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Informelles Lernen im Betrieb?

Nuernberg von obenAm 27. Oktober war ich bei wirklich phantastischem Wetter in Nürnberg. f-bb, das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung hatte zur Tagung “Lernen im Betrieb - fördern, nutzen, transpartent machen” eingeladen. Präsentiert wurden Impulse aus Modellversuchen und internationalen Projekten, die sich in ganz unterschiedlichen Formen mit arbeitsprozessorientiertem Lernen und informell erworbenen Kompetenzen auseinander setzen. 150 Expertinnen und Experten aus Unternehmen, Wissenschaft, Berufs-/Weiterbildung und Politik waren angereist und konnten einen tagungsdidaktisch abwechslungsreich gestalteten Tag mit einer Vielzahl von anregenden Impulsen und Gesprächen erleben. Einige Eindrücke sollen genügen, um etwas von den für mich sehr interessanten Themen zu vermitteln …

Brigitte Geldermann (f-bb) attestierte dem informellen Lernen in der aktuellen berufsbildenden Diskussion innerhalb und außerhalb der Betriebe wegen der Kostenneutralität, dem Wegfallen von Transferproblemen und der Verknüpfung von Arbeiten und Lernen eine große Dominanz. Motto, in Anlehnung an Watzlawik: Man kann nicht nicht lernen. Das Lernen aus Erfahrung stoße aber zunehmend auch an Grenzen. Die virtuellen Oberflächen an immer mehr Arbeitsplätzen ziehen einen Verlust an unmittelbarer sinnlicher Wahrnehmung nach sich, Arbeitsprozesse verdichten sich immer mehr und lassen kaum Räume für Reflexivität, nicht jede Person bringt entsprechende Voraussetzungen mit. Umso wichtiger sind Führungskräfte, die geeignete Rahmenbedingungen für informelles Lernen im Betrieb schaffen und den Personaleinsatz auch unter Lerngesichtspunkten organisieren.

Damit die Chancen des informellen Lernens genutzt werden können, müssen sich also die Mitarbeiter/innen eines Betriebs und die Führungskräfte mit dieser Lernform intensiv beschäftigen. Genau in diesen Kontext zielen die beiden vom BMBF finanzierten und vom f-bb durchgeführten Modellversuche “Flexible und individuelle Lernformen in der Personalentwicklung (filip)” und “Transparenz beruflicher Qualifikationen (TbQ)”, auf die im Laufe der Diskussionen immer wieder Bezug genommen wurde. filip unterstützt Führungskräfte dabei, Kompetenzentwicklung und Wissensmanagement zu verknüpfen und hat ein Beratungskonzept für die Mitarbeiterförderung entwickelt. In Ergänzung hierzu setzt sich TbQ mit dem Transfer der in organisierten Bildungsveranstaltungen informell und formal erworbenen Kompetenzen in die betriebliche Praxis auseinander. In betrieblichen Fortbildungsveranstaltungen wurde eine Lernberatung integriert, die mit den Teilnehmenden persönliche Lernziele verabredet, die durch Selbstevaluation und Gespräche mit dem Bildungspersonal mit Abstand von einigen Wochen nach der Veranstaltung überprüft werden. Dem Modellversuch gelingt so eine von formaler Weiterbildung flankierte zukunftsweisende Verknüpfung von informellem und formalem Lernen.

Prof. Dr. Peter Dehnbostel von der Helmut Schmidt Universität der Bundeswehr in Hamburg unter-strich seinen Ruf als einer der Väter des Lernens im Arbeitsprozess, indem er kurz und prägnant den Kreislauf der Erfahrung (nach Krüger/Lersch 1993), lernrelevante Dimensionen im Arbeitsprozess und zukunftsorientierte Lernformen referierte. Nach seiner Erfahrung sollten Betriebe in Zusammenarbeit mit innerbetrieblicher Weiterbildung, externen Anbietern und Universitäten viel stärker als bisher Coaching, Qualitätszirkel, Lerninseln und die intensive Auseinandersetzung mit Arbeits- und Lernaufgaben in die Personalentwicklung mit einbeziehen. Außerdem sollten weitere Qualifikationsnetzwerke und Communities of Practice entwickelt werden.

Dr. Dorothea Schemme und Gisela Westhoff vom BIBB sowie Dr. Barbara Mohr und Gabriele Fietz vom f-bb erläuterten detailliert die beiden schon angesprochenen Modellversuche. Dabei ging es beispielsweise um Fragen wie: Wie kann träges, fachliches Wissen aktiviert werden und so zur Anwendung kommen? Wie können die Barrieren überwunden werden, die verhindern, dass Wissen kommuniziert und weiter gegeben wird? Wie wird üblicherweise Können und Wissen im Unternehmen zertifiziert? Einigkeit bestand darüber, dass die Mitarbeiter/innen stärker in das Wis-sensmanagement, die Dokumentation und Zertifizierung von – informell und formal – erworbenem Wissen einbezogen werden müssen. Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass Mitarbeiter/innen für eine bestimmte Zeit die Abteilung innerhalb des Unternehmens wechseln und in der Reflexion dieser Erfahrung eine Art Überblickswissen über größere Bereiche des Unternehmens entsteht. Diese Art von Wissen sollte dann Eingang finden in Zertifikate, wie sie im TbQ-Projekt entwickelt wurden. Sie integrieren formales und informelles Lernen und sollen so die einzelnen Mitarbeiter/innen fördern und auch dem Betrieb als Ganzem nutzen.

Im anschließenden Workshop “Wie können selbständig erworbene Kompetenzen transparent gemacht werden?” war man sich nicht einig, ob es in Zukunft nur noch wenige, standardisierte, bundesweit gültige Instrumente zur Erfassung, Dokumentation und Zertifizierung informell erworbenen Wissens geben solle, oder ob nicht in der vorhandenen Vielfalt auch die Chance läge, zielgruppenspezifische und situativ passgenaue Vorgehensweisen zur Verfügung zu haben, die effizienter seien, als ein generell gültiges Instrument. Eingehend wurde auch das Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdevaluation diskutiert. Beides dürfe auf keinen Fall durcheinander gemischt werden. Von daher sei die Transparenz des Vorgehens bei jedem Instrument ein entscheidendes Qualitätskriterium.

Mit den Auswirkungen der Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen auf das Berufsausbildungssystem setzte sich das prominent besetzte Abschlusspodium auseinander. Heinz Holz vom BiBB hob noch einmal die lange Tradition des “selbständigen Lernens” in der Berufsbildung hervor. Nur durch einen solchen Ansatz könne die Berufsbildung die Grundlagen für das lebenslange Lernen legen. Helen Diedrich-Fuhs vom Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (KWB) erinnerte ihrerseits daran, dass die Betriebe den Stellenwert des selbständigen Lernens lange erkannt hätten, nur die Politik hätte sich erst in jüngster Zeit dieses wichtigen Themas angenommen. Gerade in KMU werde das selbständige Lernen sehr gefördert. Ein Problem bestehe darin, dass die Ausbildungsordnungen dieser Tatsache nicht gerecht würden. Oft würde noch an dem Anspruch festgehalten, in der Ausbildung lebenslang gültiges Wissen zu vermitteln. Für das BiBB wies Dr. Barbara Meifort auf die bei den Lerner/innen ungleich verteilten Chancen hin, im Betrieb zu lernen. Nicht jede Personen hat eine Tätigkeit mit Handlungsspielräumen, viele Arbeitsplätze sind eher lernhemmend gestaltet, die zur Verfügung stehende Zeit muss ausschließlich für unmittelbar produktive Tätigkeiten verwendet werden. Prof. Ulrich Teichler von der Universität Kassel wies abschließend auf ein Paradox hin: während früher an den Universitäten auf selbständiges Lernen gesetzt wurde, werden heutzutage immer mehr Vorschriften und Leistungsbewertungen eingeführt, die darauf abzielen, immer mehr Wissen zu vermitteln, aber kaum noch Möglichkeiten bieten, innerhalb des organisierten Lernens in selbständiger Form persönliche Lernprozesse zu erleben und zu reflektieren. Das führe letztlich dazu, dass Hochschulabgänger/innen sich nicht dazu ermutigt fühlten, ihre kreativen Energien innerhalb der Unternehmen einzusetzen.

So zog sich der Begriff des selbständigen Lernens, eigentlich ein älterer terminus technicus aus den 70er Jahren, für mich in überraschender aber um so überzeugenderer Form durch weite Teile des Tages. Eine gelungene Tagung. Nürnberg ist nicht nur zum Christkindlmarkt eine Reise wert.

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One Response to “Informelles Lernen im Betrieb?”

  1. Strukturnetz Blog » Blog Archive » Formelles Lernen lehrt der Lehrplan, informelles Lernen lehrt das Leben sagt:

    […] Ich freue mich, dass im Beitrag über Informelles Lernen im Unternehmen ein Absatz aus meinem Bericht der Nürnberger Tagung des f-bb zum Lernen im Betrieb zitiert wird, den ich hier im Blog im Oktober letzten Jahres veröffentlicht habe. Besonders schön ist, dass im Anschluss einiges aus einem Beitrag des Blog-Kollegen Tim Schlotfeldt übernommen wurde, was meine dargestellten Erfahrungen sehr gut ergänzt. Wieder ein Beispiel dafür, wie weit sich Blogs mittlerweile als Informationsquelle für professionelle Anbieter etabliert haben. […]

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