Narrative Ansätze haben Hochkonjunktur
In den Sozialwissenschaften hat die “narrative Wende” vor 25 bis 30 Jahren statt gefunden. Stärkster Ausdruck dieser Entwicklung ist sicher die qualitative Forschungsmethode des (biographisch)narrativen Interviews, wie es ursprünglich von Fritz Schütze in den siebziger Jahren konzipiert und bis heute in immer neuen Varianten zur Anwendung kommt. Seit über 20 Jahren hat dieser methodische Zugang zur Wirklichkeit auch in den Erziehungswissenschaften Platz gegriffen. Und nun sickern “narrative Methoden bzw. Ansätze” mehr und mehr in praxisnähere Felder ein. Storytelling wird in der Unternehmensberatung als Methode zur Verbesserung der innerbetrieblichen Kommunikation eingesetzt. Vor allem im Wissensmanagement entdecken immer mehr Professionelle ein Spektrum an Möglichkeiten, wie sich über das Generieren und Begleiten alltagssprachlichen Erzählens über berufliche Erfahrungen, Wissensbestände und Arbeitsprozesse erschließen lassen.
Aus der Vielzahl von Online- und Printveröffentlichungen greife ich hier drei heraus, die mir in den letzten Tagen besonders aufgefallen sind und die ich sehr empfehlen möchte:
- Da ist das wirklich äußerst ergiebige neue Buch von Gabi Reinmann, Professorin für Medienpädagogik an der Universität Augsburg, in dem sie instruktive theoretische aber vor allem praktische Beiträge mit vielfältigen Erfahrungen in Schule und Wirtschaft zum professionell begleiteten Erzählen liefert: Gabi Reinmann (Hrsg.): Erfahrungswissen erzählbar machen. Narrative Ansätze für Wirtschaft und Schule.
- Dann habe ich die Website von NARRATA-Consult entdeckt, einem “narrativen Beraternetzwerk” (Düsseldorf, Heidelberg, München), das aktuelle Einblicke in “narratives Management” ermöglicht: NARRATA Consult - mit Geschichten zur Seele von Organisationen.
- In Amerika ist der narrative Ansatz schon etwas länger verankert, vor allem in der Karriereberatung. Diese Seite von Kathy Hansen ist mir bei der Recherche besonders aufgefallen: A Storied Career.
März 11th, 2006 at 22:20
[…] bieten die Autor/inn/en eine instruktive Weiterführung dessen, was sie schon im neuesten Buch von Gabi Reinmann in einem Aufsatz angedeutet hatten (hier hatte ich bereits auf das Buch hingewiesen). Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht die Bedeutung des Erfahrungswissens bei Koordinationsleistungen in Organisationen. Wo Unplanbares einen immer größeren Raum einnimmt und traditionelle Steuerungslogiken von daher zu kurz greifen, bekommt die Kommunikation von Erfahrungswissen innerhalb von Unternehmen und Organsisatonen eine entscheidende Rolle. Hier setzen Reinmann/Vohle an: Geschichtenerzählen in Organisationen unter dem Primat von Effizienz und Kontrolle einzuführen, ohne den Eigenwert dieses Phänomens zu respektieren, ist sowohl aus humaner als auch aus ökonomischer Sicht unsinnig. Erzählen und Zuhören in Organisationen sind nicht effizient. Wohl aber können Erzählen und Zuhören effektiv sein, indem sie eine neue Logik der Intuition fördern, die in Zeiten des Unplanbaren wirksamer ist als ein alleiniges Vertrauen auf die rationale Logik. So gesehen können Erzählen und Zuhören nicht nur humane, sondern handfeste, weil nachhaltige ökonomische Vorteile haben. […]