Kompetenzen bilanzieren – aber wie?

kobi_tako_vortrag_0512Heute hatte ich die Möglichkeit, bei einer Veranstaltung der Lernenden Region „Regionet OWL“ in Bielefeld die Instrumente zur Bilanzierung von Kompetenzen vorzustellen, die in NRW in der letzten Zeit entwickelt wurden: Die Kompetenzbilanz NRW, die seit etwa zwei Jahren in der Praxiserprobung ist und die auf vielfältige Weise in Bildungsveranstaltungen, bei der Beratung von Beschäftigten und zum Zwecke der Berufsorientierung mit Jugendlichen eingesetzt wird. Und den gerade fertig gestellten TalentKompass NRW (bisheriger Arbeitstitel: KompetenzKompass), der zu einem Prozess der Reflexion der Vorstellungen vom eigenen Privat- und Berufsleben anregen will. Das Instrument ist dialogisch angelegt und geht über das reine Erfassen von informell und formal erworbenen Kompetenzen hinaus, indem es weitere Schritte im Umgang mit dem erhobenen Potenzial gangbar zu machen sucht.

Welche Ziele verfolgt die Kompetenzbilanz?

  • Für die Bedeutung von Schlüsselkompetenzen sensibilisieren
  • Mehr über die eigenen Stärken erfahren und diese als Schlüsselkompetenzen identifizieren lernen
  • Über eigene Fähigkeiten und Vorstellungen sprechen lernen

Welche Ziele verfolgt der TalentKompass NRW?

  • Persönliche Veränderungsbereitschaft stärken
  • Bestandsaufnahme der persönlichen Fähigkeiten, Kenntnisse und Interessen (in einigen wichtigen Aspekten)
  • Neue Kombinationsmöglichkeiten von Fähigkeiten und Interessen finden und dadurch Ideen für neue Tätigkeitsfelder oder Gestaltungsmöglichkeiten gewinnen

Beide Instrumente wollen auf ganz unterschiedliche Art und Weise die Beschäftigungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft von Berufstätigen fördern. Zugleich soll die Bereitschaft gestärkt werden, sich bürgerschaftlich zu engagieren und diese ehrenamtlich/freiwillig erworbenen Kompetenzen auch für andere Lebensbereiche fruchtbar zu machen. Auch die durch Familienarbeit erworbenen Fähigkeiten sollen auf diese Weise mehr gesellschaftliche Anerkennung finden.

In die Auseinandersetzung mit dem Thema Kompetenzbilanzierung hatte zu Beginn des Nachmittags Steffen Kirchhoff von der Universität Flensburg eingeführt. Er problematisierte in anschaulicher und überzeugender Weise die oft leichtfertig verwendeten Begriffe der Kompetenz und des informellen Lernens. Unter informellem Lernen sei etwas sehr Eigensinniges zu verstehen, was nicht durch – gut gemeinte oder instrumentell eingesetzte – formale Bildungsbestrebungen funktionalisiert und damit unter Umständen wirkungslos gemacht werden dürfe. Die aktuelle Diskussion zeige außerdem, wie schwer fassbar die nur auf den ersten Blick so klar beschreibbaren Kompetenzen seien. Handlungskompetenzen könnten in ihrer Konstitution nachvollzogen, aber nicht exakt gemessen werden. Er warb für ein subjektorientiertes Verständnis von Kompetenz, dass dabei hilft, die eigenen Stärken zu erkennen und Veränderungsprozesse als Chance zu begreifen, in denen die eigenen Fähigkeiten unter neuen Anforderungen angewendet werden können. Informelle Lernprozesse blieben in diesem Kontext nur wirksam, wenn sie nicht-reflexiv blieben und eher indirekt durch das Eröffnen von neuen Erfahrungsräumen gestärkt würden.

Auf – nicht für mich, aber für einige andere – überraschende Art verwies er auf seine positiven Erfahrungen mit Biographiearbeit in diesem Kontext. Biographische Methoden könnten dazu dienen, die Menschen da zu fördern, wo sie gerade in ihrer aktuellen Lebenssituation stehen, mit genau dem Potenzial, was ihnen aktuell zur Verfügung stehe. Ein biographischer Ansatz könne das lebenslang aufgeschichtete Wissen auf angemessene Weise zur Bewältigung von krisenhaften Situationen zugänglich machen.

An der lebhaften Veranstaltung nahmen 15 Personen aus Einrichtungen der allgemeinen und beruflichen Weiterbildung, Personalverantwortliche aus ostwestfälischen Unternehmen und Vertreter/innen der kommunalen Verwaltung teil. In der Abschlussdiskussion wurden vor allem die Herangehensweise des TaltentKompass sehr gelobt. Es besteht großes Interesse, das Instrument in Unternehmen und bei Bildungsanbietern einzusetzen.

Reinhard Völzke: Kompetenzbilanzierung mit der Kompetenzbilanz NRW und dem TalentKompass NRW (pdf, 1,3 MB)

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