Erzählen und Zuhören in Organisationen?

Täglichen Lesestoff gibt es ja beileibe genug. Ein Text hat in den letzten Tagen aus dem Gros herausgeragt und wird sicher nachhaltige Wirkungen auf meine Einstellung zur “Nutzbarmachung” von Erzählen und Zuhören in betriebswirtschaftlicher Perspektive haben. Einiges habe ich in den vergangenen Monaten bereits dazu gelesen. Durchaus anregend, wenn auch an zentralen Punkten - wie ich finde - etwas zu funktionalisierend konzipiert, finde ich beispielsweise Michael Loebberts Storymanagement. Und nun der Aufsatz von Gabi Reinmann, Professorin für Medienpädagogik an der Universität Augsburg und Frank Vohle, Geschäftsführer der Ghostthinker GmbH in Wolfratshausen: Erzählen und Zuhören in Organisationen.

In einigen prägnant überschriebenen Abschnitten

  • Unplanbares in Organisationen
  • Zwang zu besserer Koordination
  • Renaissance des Erfahrungswissens
  • Konsequenzen für das Unplanbare
  • Erzählen in Organisationen
  • Erzähler für Zuhörer
  • Wirkungen und Wirksamkeit
  • Dialog als Problemlösung
  • Sowohl als auch

bieten die Autor/inn/en eine instruktive Weiterführung dessen, was sie schon im neuesten Buch von Gabi Reinmann in einem Aufsatz angedeutet hatten (hier hatte ich bereits auf das Buch hingewiesen). Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht die Bedeutung des Erfahrungswissens bei Koordinationsleistungen in Organisationen. Wo Unplanbares einen immer größeren Raum einnimmt und traditionelle Steuerungslogiken von daher zu kurz greifen, bekommt die Kommunikation von Erfahrungswissen innerhalb von Unternehmen und Organsisatonen eine entscheidende Rolle. Hier setzen Reinmann/Vohle an:

Geschichtenerzählen in Organisationen unter dem Primat von Effizienz und Kontrolle einzuführen, ohne den Eigenwert dieses Phänomens zu respektieren, ist sowohl aus humaner als auch aus ökonomischer Sicht unsinnig. Erzählen und Zuhören in Organisationen sind nicht effizient. Wohl aber können Erzählen und Zuhören effektiv sein, indem sie eine neue Logik der Intuition fördern, die in Zeiten des Unplanbaren wirksamer ist als ein alleiniges Vertrauen auf die rationale Logik. So gesehen können Erzählen und Zuhören nicht nur humane, sondern handfeste, weil nachhaltige ökonomische Vorteile haben.

Die neue Logik, die “in Zeiten des Unplanbaren” für die erfolgreiche Arbeit einer Organisation notwendig sei, sei eine

intuitive Logik, die sich inhaltlich auf Erfahrungswissen bezieht und in hohem Maße das Erzählen als neue Kompetenz erfordert.

In all dem, was die Autor/inn/en im Anschluss entfalten, sind sie weit entfernt von dem, was üblicherweise unter Storytelling verstanden wird. Nur eine von drei unterscheidbaren Formen des Erzählens richtet sich nach ihrer Ansicht auf die unmittelbare Veränderung des Handelns (wie es in Managementprozessen intendiert ist), die am meisten verbreiteten Formen sind das handlungsintegrierte und das handlungsbezogene Erzählen. Und auch der zentrale Stellenwert des Zuhörens wird in der Regel nur am Rande betrachet:

Wer im Handeln oder über das eigene Handeln Geschichten erzählt, tut das in der Regel deswegen, weil er ein Problem lösen will, weil er vor unberechenbaren Situationen steht, für deren Bewältigung es keine Routinen gibt, oder weil für Planungen keine Zeit, sondern explorierendes Handeln gefragt ist. Die so erzählten Geschichten beinhalten die Handlungs- und Problemlösungsrelevanz, die das Geschichtenwissen gegenüber dem Faktenwissen auszeichnet; dazu kommen Anschaulichkeit und Unterhaltungswert von Geschichten, die aus und über eigene Erlebnisse entstehen. All das macht es für Zuhörer aus dem Umfeld des Erzählers leicht und motivierend, zuzuhören und über das Gehörte nachzudenken – vorausgesetzt, eine Organisation bietet hierfür Raum und Zeit und bringt dem Erzählen den notwendigen Respekt entgegen.

So plädieren die Autor/inn/en für eine offene Erzählkultur, die dabei helfen könne, in Organisationen

systemische Stabilität und Kohärenz beziehungsweise Sinn und Bedeutung für den Zweck individuellen und kollektiven Handelns auszubilden: Mensch und Organisation dürften ein gemeinsames Interesse an dieser sinnstiftenden Funktion haben.

Und zu guter Letzt: Immer wieder leuchtet in diesem Text der Zusammenhang von implizitem Erfahrungswissen, informellem Lernen und informell erworbenen Kompetenzen auf - als Basiskompomenten für ein wirklich zeitgemäßes Wissensmanagement sozusagen. Wenn das keine Einladung zum Weitererzählen dieses hervorragenden Ansatzes ist … (via weiterbildungsblog).

Ähnliche Beträge

Kommentar schreiben