Biographisch-narrative Gesprächsführung als pädagogische Basiskompetenz
In den letzten Monaten bin ich des Öfteren auf einige meiner älteren Arbeiten zur biographisch-narrativen Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit und in der Erwachsenenbildung/ Weiterbildung angesprochen worden. Aus diesem - für mich natürlich erfreulichen - Anlass gebe ich hier einige zusammenfassende Hinweise auf ein “altes Projekt von mir” und mache drei Beiträge in digitaler Form wieder zugänglich. Die Publikationen selbst sind leider vergriffen. Außerdem erwähne ich zwei neuere Beiträge.
Nach wie vor denke ich, dass die Potenziale des narrativen Ansatzes für mikrodidaktisches, pädagogisches Handeln nicht annähernd ausgeschöpft sind. Am weitesten Verbreitung gefunden haben biographie- und/oder narrationsorientierte Konzepte in Altenarbeit und Altenpflege. Hier wird der hohe Stellenwert der persönlichen Lebensgeschichte und des Erfahrungswissens für die gegenwärtige Identität von Betroffenen in einer durch Alter oder Krankheit möglicherweise eingeschränkten Situation in den Fokus gerückt. Werden Erinnerungen beispielsweise durch Methoden der „Biographiearbeit“ wachgerufen, also vergegenwärtigt, dann wird die Person für sich selbst aber auch vor anderen wieder in lebendiger, „greifbarer“ Form präsent. Erfahrungswissen gewinnt an Relevanz. Personen können sich so präsentieren, wie sie sind; und erfahren sich möglicherweise neu und anders, weil ihre ureignen Kompetenzen „nachgefragt“ werden. Viele Praxiserfahrungen bestätigen, in welch hohem Maße dem professionell angeleitetem lebensgeschichtlichen Erzählen in Altenarbeit und Pflege eine heilsame Dimension zugeschrieben werden kann.
Gemeinsam mit anderen - zwei der unten aufgeührten Texte sind echte Gemeinschaftswerke! - war und ist mein Bestreben, diesen Ansatz auf andere Felder zu übertragen. Vor allem auf die Jugendhilfe und die Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Die Texte reflektieren meine beruflichen Erfahrungen und überprüfen die Idee, so etwas wie eine grundlegende, pädagogisch ausgerichtete, auf Erzählen und Zuhören basierende Form der Gesprächsführung zu entwickeln und mit verschiedenen Zielgruppen zu erproben.
Über die Aktualität narrativer Ansätze habe ich in diesem Blog schon einiges geschrieben. Mir fällt auf, dass es – wie so oft – sehr unterschiedliche Quellen geben kann, aus denen sich beispielsweise die Konzepte des in einigen Unternehmen im Rahmen des Wissensmanagements zur Anwendung kommenden Storytellings oder Storymanagements speisen. Meine Quellen sind die qualitative Sozialforschung, die Wissenssoziologie und der Ansatz der klientenzentrierten Gesprächsführung von Carl Rogers. Interessanterweise spielen diese Zusammenhänge in der gegenwärtigen Diskussion keine oder nur eine sehr geringe Rolle. Meiner Überzeugung nach liegt hier ein unentdecktes Potenzial für aktuelle Herausforderungen.
- Dieter Nittel/Reinhard Völzke, Professionell angeleitete biographische Kommunikation. Ein Konzept pädagogischen Fremdverstehens, in: Karin Derichs-Kunstmann/ Christiane Schiersmann/Rudolf Tippelt (Hrsg.), Die Fremde – das Fremde – der Fremde, Dokumentation der Jahrestagung 1992 der Kommission Erwachsenenbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Beiheft zum Report, Frankfurt/M.: Pädagogische Arbeitsstelle des DVV, 1993, S. 123-135.
- Reinhard Völzke, Das biographische Gespräch in der Bildungsarbeit. Zum professionellen Umgang mit alltagssprachlichem Erzählen, in: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.), Lebensgeschichte und Politik: Erinnern – Erzählen – Verstehen. Methodische Zugänge zum biographischen Lernen, bearbeitet von Hermann Buschmeyer, Soest: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, 1995.
- Reinhard Völzke, Biographisches Erzählen im beruflichen Alltag. Das sozialpädagogische Konzept der biographisch-narrativen Gesprächsführung, in: Gisela Jakob/ Hans-Jürgen von Wensierski (Hrsg.), Rekonstruktive Sozialpädagogik. Konzepte und Methoden sozialpädagogischen Verstehens in Forschung und Praxis, Weinheim/München: Juventa, 1997, S. 271-286.
- Ein neuerer Text von mir zum Erzählen als Brückenschlag zwischen Leben und Lernen ist im letzten Jahr in der Zeitschrift SOZIALEXTRA erschienen. In einem frühren Blogeintrag habe ich bereits darauf hingewiesen.
- Gemeinsam mit der Kollegin Dr. Michaela Köttig habe ich für ein Fachtagung zum biographischen Arbeiten Ende 2004 für einen Workshop ein Arbeitspapier entwickelt, in dem die aktuellste Fassung der Gesprächsregeln einer biographisch-narrativen Gesprächsführung nachzulesen ist.
Alle Texte wollten und wollen Verantwortliche in der beruflichen Fort- und Weiterbildung dazu anregen, in ihren Einrichtungen Angebote zur biographisch-narrativen Gesprächsführung zu etablieren.
April 12th, 2006 at 13:13
Interessierte können evt. dazu auch in der (noch) aktuellen Ausgabe der Zeitschrift bildungsforchung” mit dem Schwerpunkt “Bildungsbiographien und Bildungsverläufe” etwas entdecken. Viel Vergnügen!
Herzliche Gruesse
Sandra Schaffert
August 26th, 2006 at 22:29
[…] Ich freue mich sehr, dass ich als Referent zu dieser Tagung eingeladen bin und den aktuellen Stand eines meiner Leib-und-Magen-Themen zur Diskussion stellen kann: Angeleitete biografisch-narrative Kommunikation im pädagogischen Alltag. Ich werde in bündiger Form theoretische und praktische Bezüge der von mir hier im Blog schon erwähnten biographisch-narrativen Gesprächsführung entfalten. Außerdem habe ich vor, erstmals meine Erfahrungen mit Verfahren der Lebens- und Berufsplanung und der Karriereberatung in diesen Zusammenhang zu stellen. Einige Anmerkungen zum “narrativen Charakter” von Blogging und Podcasting inklusive Perspektiven für den pädagogischen Alltag sollen das Ganze abrunden. Soweit jedenfalls der Plan. Vielleicht treffe ich dort die eine oder andere Leser/in; es würde mich jedenfalls sehr freuen! […]
Februar 4th, 2007 at 20:44
[…] In vielen Gesprächen konnte ich meine eigenen Überlegungen und Erfahrungen mit einer pädagogisch motivierten Entwicklung eines “biografischen Ohrs” und eines “narrativen Mundwerks” anbringen und als eine Form alltäglichen, biografieorientierten Handelns vertreten (hier hatte im Blog schon einmal etwas dazu geschrieben). Meine Hauptaufgabe auf der Tagung bestand aber darin, meine aktuellen Gedanken zu einer Kritik der Verfahren zur Bilanzierung von Kompetenzen zu präsentieren, wie ich sie gerade in einem Aufsatz mit dem Kollegen Dr. Rüdiger Preißer festgehalten habe (erscheint in Heft 1/2007 des report - Zeitschrift für Weiterbildungsforschung). Wir bringen hier etwas Licht in den Dschungel der bestimmt 90 Verfahren der Kompetenzbilanzierung für Erwachsene, die sich gegenwärtig auf dem deutschsprachigen Markt tummeln. Viele dieser Verfahren treten mit dem Anspruch auf, auf einem biografischen Ansatz zu basieren oder jedenfalls biografieorientiert vorzugehen. Oft wird dies nichtmal genauer expliziert, schon gar nicht konzeptionell eingelöst. Preißer und ich kommen zu dem Ergebnis, dass Biografieorientierung hier wirklich Not tut, wenn Erwachsenen verführt werden sollen, sich Teile der impliziten Bestände ihres biografischen Wissens bewusst zu machen; um daraus wiederum die Teile auszuwählen, die sie ihren beruflichen Veränderungsprozessen zur Verfügung stellen wollen. […]
Juni 17th, 2011 at 08:19
Dieser narrative Ansatz hat eine lange Tradition in der Altenpflege. Ich bin gespannt, wie Ihr Versuch, das auf die Jugenarbeit einzuführen funktioniert. Das müsste tatsächlich zu einem anderen Bewusstsein, das mehr Wert auf Interaktion und die eigene Geschichte legt, führen.
Werden Sie hier Zwischenberichte vorlegen - sozusagen als Live-Begleitung? Das wäre schön, denn Zusammenfassungen sind nicht so lebendig als wenn man das auf und ab parallel mitbekommt.