Unzeitgemäß Zeitgemäßes im dänischen Bildungssystem

daenische_schueler.jpgEs ist doch wirklich seltsam. Da mühen wir uns in Deutschland ab, um Jugendliche in ihrer Berufswahl zu unterstützen bzw. ihre Ausbildungsreife zu fördern. Projektwochen an Schulen, begleitete Praktika, groß angelegte Programme für Jugendliche ohne Schulabschluss und Ausbildungsstelle sind nur einige wenige Beispiele dafür.

Eine meiner gegenwärtigen Hauptbeschäftigungen, die Entwicklung und der Einsatz eines Verfahrens zur Unterstützung von beruflichen Veränderungsprozessen – TalentKompass NRW, kann nicht zuletzt diesem Bemühen von staatlicher Seite zugeordnet werden. Ist hier die Hauptzielgruppe auch bei erwachsenen Personen mit Beschäftigung zu suchen, so rührt die Notwendigkeit solcher und ähnlicher Instrumente ebenso aus dem Unvermögen, Entscheidungssituationen einigermaßen systematisch und konstruktiv bewältigen zu können. Da sind Erwachsene und Jugendliche vor vergleichbare Probleme gestellt.

Hier liegt ganz sicher ein Mangel unseres Bildungssystems vor, das zwar Wissensbestände zu vermitteln sucht, leider aber nur am Rande die Fähigkeit einübt, im eigenen Leben zwischen Alternativen auszuwählen, durch Wirklichkeitserkundung individuelle Handlungsspielräume auszuloten und zu erweitern. Ganz zu schweigen von den fehlenden Möglichkeiten, sich in zweckfreien Kontexten probehalber mit sich selbst zu beschäftigen, mit den eigenen Ausdrucksformen und Lösungswegen, wie Prioritätensetzungen und damit Entscheidungen bei einem selbst zustande kommen und wie dieses Können für anstehende Herausforderungen nutzbar gemacht werden kann.

Und was machen die Dänen? Dort besuchen viele Jugendliche direkt nach dem Schulabschluss einen mehrmonatigen Kurs an einer Volkshochschule, wie wir sie auch in Deutschland kennen, jedoch wieder ganz anders. Jugendliche können aus einem breiten Spektrum von Angeboten auswählen. Viele dieser in Internatsform durchgeführten Kurse haben einen kulturell-ästhetischen Schwerpunkt, also z. B. Gesang und Theater, bildende Kunst und Musik oder Komposition und Literatur (hier ein Beispiel auf der wunderschönen süddänischen Insel Ærø, wo ich gerade Urlaub gemacht habe). Die Idee der beiden Gründerväter der dänischen Volkshochschulen, und damit der modernen Erwachsenenbildung überhaupt, Nikolai Frederik Severin Grundtvig und Christen Kold, haben bis heute eher an Aktualität gewonnen. Junge Menschen entdecken ihre Fähigkeiten, Neigungen, Begabungen, Interessen und Werte am ehesten durch die gemeinsame Arbeit an konkreten Produkten und Produktionen. Zwei Aspekte sind wesentlich: die zum Entdecken des Eigenen notwendigen Anderen, hier verkörpert durch die Gruppe und die zugehörigen Gruppenprozesse, und der dieses erst ermöglichende zeitliche Rahmen, der nicht zu knapp bemessen sein darf. Am Du werden wir zum Ich. Wir entdecken uns selbst im Spiel, in der kulturellen Tätigkeit, in der ästhetischen Erfahrung. Dafür benötigen wir die Zeit, die wir benötigen.

aeroe_steilkueste.jpgNun ist dieses über viele Jahrzehnte bewährte System gefährdet. Die konservative Regierung in Kopenhagen hat sich dem Paradigma der Beschleunigung von Bildung angeschlossen, sie tut alles daran, die Schul- und Ausbildungszeiten zu verkürzen, so wie wir das auch aus Deutschland kennen. Konsequenterweise drängt sie die dänischen Volkshochschulen, für die angesprochenen Kurse endlich Zertifikate zu vergeben, damit sie als „vollwertiges“ Element von Berufsausbildung gewertet werden können und von entsprechenden weiterführenden Ausbildungsgängen anerkannt werden. So würde der Zeitverlust sich wenigstens relativeren lassen.

Durch die Eingliederung solcher Art „allgemein“-bildendender Kurse wird der besondere Charakter des dänischen Systems aus meiner Sicht verkannt. Die Internatskurse bilden so etwas wie ein Ausbildungsmoratorium in dem gerade auf diese Weise Menschen zu sich und zu ihrer Aufgabe im Leben kommen können. Nicht zuletzt wegen der gesellschaftlich akzeptierten Zwischenzeit gibt es nach meiner Einschätzung in Dänemark bedeutend weniger Ausbildungs- und Studienabbrecher und außerdem eine breitere Streuung bei den gewählten Erstberufen, als beispielsweise bei uns in Deutschland.

Jetzt frage ich mich, wie wir hier vom unzeitgemäß Zeitgemäßen aus dem Lande Dänemark lernen können. Drei Schlussfolgerungen fallen mir ein:

  1. Bei allen Diskussionen um die Verkürzung von Schul- und Ausbildungszeiten sollten wir noch genauer nachfragen, welche Inhalte mit welchen Methoden dann weiterhin vermittelt bzw. behandelt werden sollen. Müssten wir nicht viele Themen der industrialisierten Welt des 19. und 20. Jahrhunderts ersetzen durch die der Wissens- und Verantwortungsgesellschaft von Heute, wo es um den Umgang mit Einscheidungssituationen, Technologiefolgen-Abschätzung und das Austarieren von Werturteilen geht? Dann könnte Einiges entschlackt, anders aber möglicherweise auch ausgedehnt und neu aufgenommen werden; was dann nicht unbedingt dem Verkürzungsparadigma zuzurechnen ist, sondern dem immer wieder neu gültigen Motto „Alles bracht seine Zeit“. Die Diskussion um die Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung bekäme so eine neue Grundierung.
  2. Setzen wir mit unserem Aktivitäten für Jugendliche, die noch nicht ins Ausbildungssystem gefunden haben oder die Entscheidungsprozesse nicht zufriedenstellend bewältigt bekommen, nicht viel zu spät an? Müsste es nicht ein Schulfach geben zur „Lebens- und Berufsplanung“, Pflicht für alle Schülerinnen und Schüler? Da sind die Lehrerinnen und Lehrer mit Zusatzbeauftragung für Berufsfindung vor dem Hintergrund der dänischen Erfahrungen und den Problemen im deutschen System nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
  3. Selbstverständlich sind die beschriebenen Internatskurse für junge Menschen aus breiten Bevölkerungsschichten nur deshalb finanzierbar, weil sie der dänische Staat aus dem für hiesige Verhältnisse überaus groß bemessenen Bildungsetat subventioniert. Diese Praxis ist sicher Ausdruck der hohen gesellschaftlichen Wertigkeit von Bildung in unserem Nachbarland, die unter ökonomischen Zwängen nicht unangefochten bleibt, wie angedeutet. Die Frage sei erlaubt, ob die „Nachbesserei“ bei uns in Deutschland unter dem Strich für uns Steuerzahler wirklich günstiger ist? Die Schlussfolgerung lautet also, die ungeheuren Summen, die ins Bildungssystem gesteckt werden, erneut unter dem hier aufgenommen Aspekt zu überprüfen und mit den vereinten Willen aller verantwortlichen Kräfte den allgemeinbildendenden Angeboten zur Lebens- und Berufsplanung für Jugendliche und Erwachsene eher mehr Geld zu geben, als bisher.

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2 Responses to “Unzeitgemäß Zeitgemäßes im dänischen Bildungssystem”

  1. Günter Schenck sagt:

    Dem kann ich nur zustimmen; ein Weg in diese Richtung (freilich bei weitem nicht ausreichend) wäre, die “Schülerfirma” als didaktisches Modell stärker als bisher ins Spiel zu bringen.

  2. Reinhard Völzke sagt:

    Hallo Herr Schenk,

    danke für die Anregung. Können Sie das etwas erläutern, wie das konkret aussehen würde und welche Funktion eine Schülerfirma in unserem Zusammenhang hätte?

    .reinhard völzke

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