Von der Stärke der schwachen Beziehung

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Ein verregnetes Brückenwochenende? Stimmt. Was bietet sich da mehr an, als sich mit der „Brückenfunktion“ von Beziehungen zu beschäftigen; und zwar nicht alleine im stillen Kämmerlein, sondern im Rahmen der Jahrestagung des Berufsverbandes der Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler e. V. (BV-Päd.), die an den vergangenen zwei Tagen, also am 26. und 27. Mai 2007 in der Universität Dortmund stattfand. Etwa 35 Interessierte hatten sich zusammen gefunden, um unter dem Motto „Netze knüpfen. Netze nutzen!“ einigen Referaten mit einem überraschend breiten Spektrum zu lauschen und – vor allem – ausgiebig untereinander zu „klüngeln“.

Ursula Wohlfart vom ehemaligen Landesinstitut für Qualifizierung NRW beleuchtete das Thema aus der Perspektive von Institutionen, die sich unter einem spezifischen „Systemziel“ zu einem Netzwerk zusammen schließen; z. B. die Vernetzung aller mit Gesundheit beschäftigten Einrichtungen einer mittelgroßen Stadt zum Zwecke der besseren Koordination und Transparenz der Angebote. Die eigentliche Herausforderung bei dieser Art von Vernetzung liege nun in den Prozessen zur Festlegung der „Leistungs- und Strukturziele“: Wie werden Entscheidungen innerhalb des Netzwerks gefällt und mit den Herkunfsorganisationen rückgekoppelt? Wie sehen tragfähige Informations- und Kommunikationsstrukturen innerhalb des Netzwerks aus, wie wird Vertrauen aufgebaut und erhalten, wie mit Verschiedenheit umgegangen? Und: Kooperationsverhältnisse heben Konkurrenzverhältnisse nicht auf, sondern stacheln sie unter Umständen erst richtig an. Wie kann damit professionell so umgegangen werden, dass der eigentliche Nutzen von Vernetzung zum Tragen kommt: Gezielter Einsatz von Ressourcen, mehr Transparenz, mehr koordinierte Entwicklung eines Themas in einer Region und Zugewinn von neuen Geschäftsfeldern in der eigenen Organisation? Unter dem Strich machte die Referentin klar, in welch hohem Maße die Kompetenzen von Diplom-Pädagoginnen und -Pädagogen in diesem innovativen und immer wichtiger werdenden Arbeitsfeld gefordert sind, dass aber im Hinblick auf die spezifischen Anforderungen eine Fortbildung zur Netzwerkmanagerin bzw. zum Netzwerkmanager durchaus Sinn macht.

Prof. Dr. Wolfgang Jütte von der Donau-Universität Krems nahm dann die Pädagoginnen und Pädagogen als Netzwerker/innen in eigener Sache in den Blick. Unter dem Titel „Von jonglierenden Entrepreneuren und sich vernetzenden Professionals“ präsentierte er eine Vielzahl von Aspekten aus der wissenschaftlichen Netzwerkanalyse. Einige seiner Kernaussagen: Je komplexer die Arbeitswelt wird, desto mehr wird professionelles Netzwerken bzw. Networking zum Gegenstand der alltäglichen pädagogischen Arbeit. Persönliche Netzwerke dienen der Kompensation institutionelle Defizite. Beziehungen werden zum wesentlichen Bestandteil der eigenen Infrastruktur und erhöhen die Handlungsoptionen. Der sozialwissenschaftliche Netzwerkbegriff betont die relationale Perspektive, weil - unter sozialen Gesichtspunkten - die Beziehungen zwischen Akteuren mehr aussagen, als der Blick auf die einzelnen Personen selbst.

bvpaed_2006_3Besonders interessant ist die Unterscheidung von starken und schwachen Beziehungen. Durch starke Beziehungen beispielsweise zu Familienmitgliedern oder engen Freunden kommt jemand nicht unbedingt an neue Informationen oder zu neuen Kontakten. Schwache Beziehungen zu eher flüchtigen Bekannten oder Arbeitskolleginnen und -kollegen haben dagegen eine besondere Stärke. Sie liegt in der Brückenfunktion dieser Art von Kontakten zu Personen, die wiederum starke Beziehungen haben, z. B. innerhalb des Unternehmens, in dem der „schwache“ Ansprechpartner tätig ist. Besonders bei der Jobsuche hat sich der Aufbau und die Pflege schwacher Beziehungen bewährt (was doch auf erfreuliche Weise den von mir hier schön des Öfteren erwähnten Jobsuche-Ansatz Life/Work Planning bestätigt!). Hat man dagegen selbst eine Vielzahl von schwachen Beziehungen, wird man schnell zum Mittelpunkt von Suchprozessen anderer. Das hat naturgemäß viele Vorteile, ruft aber nach Steuerung und Begrenzung. Notwendiger denn je ist daher so etwas wie eine Beziehungsökologie, ein persönliches Wissensmanagement, das in den komplexen Bedingungen des Berufslebens den eigenen Alltag entschleunigt. Mögliches Motto: Don’t link to me!

In einem Workshop vermittelte Dr. Bettina Thöne-Geyer, selbständige Karriereberaterin aus Castrop Rauxel, auf kreative Art und Weise einige Grundkonzepte einer zeitgemäßen Karriereberatung. Hierbei steht die Person mit den eigenen Fähigkeiten, Interessen und Werten im Mittelpunkt - erst in einem anschließenden Schritt werden Anforderungsprofile von Stellen erhoben und mit den eigenen Vorstellungen vermittelt. Dr. Monika Kil, wissenschaftliche Assistentin im Fachbereich 12 der Universität Bremen, Institut für Erwachsenen-Bildungsforschung (IfEB), stellte in ihrer Funktion als Vorsitzende des Berfusverbandes die vielfältigen Möglichkeiten vor, sich innerhalb des BV-Päd. zu vernetzen und die Zeitschrift “Pädagogischer Blick” zur Publikation eigener Beiträge zu nutzen. Claus-Henning Ammann, Pflegepädagoge aus Bielefeld und ebenfalls Vorstandmitglied des BV-Päd., ergänzte die Vernetzungmöglichkeiten innerhalb des Berufsverbandes durch die Präsentation von Net-Päd, einer digitalen Austauschplattform auf Basis des Content Management Systems Plone.

bvpaed_2006_1Der zweite Tag wurde eingeleitet von Dr. Peter Schütt, bei der IBM Deutschland GmbH zuständig für das Wissensmanagement. In souveräner Manier führte er in „Netzwerke im Web“ ein. Er ließ dabei nichts aus, was zurzeit an Techniken und Nutzungsformen diskutiert, ausprobiert und weiterentwickelt wird: Web-Konferenzen via Instant Messaging, wobei in einem kleinen Fenster auf dem Bildschirm alle Mitglieder eines Teams sehen, wer gerade angerufen werden kann; Treffen können einfach und schnell abgestimmt und Chats spontan organisiert werden. Weblogs als virtuelle Form des Tagebuchs – mit der Besonderheit, dass Leserinnen und Leser direkt eigene Kommentare abgeben können und die „Blogosphäre“ sich so mehr und mehr zu einer hochvernetzten virtuellen Gemeinschaft entwickelt. Wikis als Möglichkeit, Texte online gemeinsam zu editieren und jeden Zwischenstand unmittelbar auf einer Internetseite zu publizieren – die Onlinelexikon Wikipedia als bekanntestes Wiki mit dem erstaunlichen Effekt des positiven Resonanzzustands: Die „Onlinegemeinde“ korrigiert selbstgesteuert Fehler und reduziert Manipulationsversuche auf eine Minimum. Die RSS-Technologie, die ein Beobachten von neuen Einträgen in Weblogs und Wikis erleichtert und die Basis des gerade entstehenden Podcasting bildet. Podcasts sind vor allem von Privatpersonen produzierte Sendungen, die über Internetseiten verteilt und auf Apples iPod oder andere MP3-Player kopiert und dann „sendezeitunabhängig“ angehört werden können. Das social bookmarking, bei dem Lesezeichen oder Bookmarks auf einer speziellen Internetseite abgelegt und mithilfe von Kategorien (Tags) leicht wieder durchsucht werden können. Eine weitere Besonderheit des social bookmarking: Die eigenen Lesezeichen können für andere sichtbar gemacht werden, so dass jemand von den eigenen Internetfunden profitieren kann - und umgekehrt.

All diese neuen Funktionen werden auch als Web 2.0 bezeichnet, einige auch als semantisches Web, weil nicht nur neue Möglichkeiten des Vernetzens entstehen, sondern bisher nur in Ansätzen vorhersehbare Chancen für das Auffinden von Informationen, nach denen gesucht wird. Viele dieser Neuerungen kommen aus dem privaten Umfeld und verändern in rasanter Weise die berufliche Welt.

Abschließend referierte Dr. Markus Schmittberger, selbständiger Personal- und Organisationsberater aus Dresden, über die besonderen Chancen von Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler bei der Begleitung und Unterstützung von Führungskräften. Er stellte das St. Gallener Führungsmodell vor und schilderte anschaulich die neuen Anforderungen der „Ergebniswelt“, wo vor allem das Ergebnis zählt, im Vergleich zur bisherigen „Arbeitswelt“, in der der Arbeitprozess von größerer Bedeutung war. Er ermutigte die Teilnehmenden am Ende einer gelungenen Tagung, für sich selbst – wenn noch nicht geschehen – die Rolle als Führungskraft zu durchdenken und mögliche Berührungsängste abzulegen.

Wie jede und jeder Einzelne auf diesem Weg in die eigene Zukunft schwache und starke Beziehungen aufbaut und nutzt, ohne sich in wie immer gearteten Netzen zu verfangen, wird nach diesen beiden Tagen in Dortmund sicher in neuem Lichte erscheinen.

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