Qualitiätsdiskussion um Web 2.0: Dem Individuum den Vorrang geben!?

mao_fahrradUnter dem provokanten Titel DIGITAL MAOISM: The Hazards of the New Online Collectivism hat der Computerwissenschaftler und Musiker Jaron Lanier Ende Mai ein Essay für das Onlineforum www.edge.org veröffentlicht. Der Text löste eine kontroverse Auseinandersetzung über die Qualitität von Inhalten beispielsweise innerhalb des Onlinelexikons Wikipedia aus, die von einer großen Gemeinschaft produziert, gepflegt und weiterentwickelt werden. Die Süddeutsche Zeitung hat in der Ausgabe vom 16. Juni 2006 eine deutsche Übersetzung veröffentlicht, aus der ich hier einige zentrale Passagen zitiere. Los gehts mit dieser These:

Eine Grundüberzeugung der Wikiwelt ist es, dass im Verlauf des kollektiven kreativen Prozesses jedes nur erdenkliche Problem, das im Wiki auftaucht, Stück für Stück korrigiert werden wird. Das entspricht dem unumstößlichen Vertrauen, das Ultraliberale in die Unfehlbarkeit des Marktes und Ultralinke in die Gerechtigkeit von Konsensprozessen haben. In all diesen Fällen waren die Ergebnisse bisher eher fragwürdig.

Dann kommt der Autor auf die neu enwickelten Nachrichten-Sammelseiten zu sprechen:

Der wahre Wert des Internets besteht darin, dass es Menschen miteinander verbindet. Wenn wir anfangen zu glauben, dass das Netz ein eigenständiges Wesen darstellt, reduzieren wir diese Menschen zur Wertlosigkeit und uns selbst zu Idioten. Erschwerend kommt hinzu, dass es für Menschen, die schreiben und denken, keine neuen Geschäftsmodelle gibt. Zeitungen befinden sich beispielsweise in einer Phase des Niedergangs, während das Internet immer mehr Leser an sich bindet. In diesem Umfeld kann Google News derzeit mehr Umsatz verbuchen und zuversichtlicher in die Zukunft blicken als die relativ geringe Anzahl guter Reporter, die rund um die Welt den Großteil der Inhalte produzieren. So generiert das Aggregat mehr Wert als die Originale. Die Frage nach neuen Geschäftsmodellen für Inhaltsproduzenten ist ein schwieriges Thema, aber man sollte zumindest erwähnen, dass professionelles Schreiben Zeit braucht und dass die meisten Autoren dafür bezahlt werden müssen, dass sie sich diese Zeit nehmen.

Und jetzt kommt ein kurzer Schlenker, mit dem Lanier die Blogger aufs Korn nimmt:

In diesem Zusammenhang kann man das Bloggen nicht als Schreiben gelten lassen. Als Blogger reicht es, dass man den Massen nach dem Mund redet oder Aufmerksamkeit erregt, indem man sie beschimpft.

Etwas einschränkend kommt Jaron Lanier dann zu foldender Feststellung:

Die entscheidende Frage ist allerdings, in welchen Punkten man als Einzelner klüger ist als das Kollektiv. Im Schnelldurchlauf würde ich die Grenze zwischen effektivem Kollektivdenken und Schwachsinn wie folgt definieren: Das Kollektiv kann immer dann Klugheit beweisen, wenn es nicht die eigenen Fragestellungen definiert; wenn die Wertigkeit einer Frage mit einem schlichten Endergebnis, wie einem Zahlenwert festgelegt werden kann; und wenn das Informationssystem, welches das Kollektiv mit Fakten versorgt, einem System der Qualitätskontrolle unterliegt, das sich in einem hohen Maße auf Individuen stützt. Wenn nur eine dieser Vorgaben wegfällt, wird das Kollektiv unzuverlässig. Ein Individuum entwickelt dagegen ein Höchstmaß an Dummheit, wenn es mit umfangreichen Machtfunktionen ausgestattet und gleichzeitig von den Folgen seiner Handlungen abgeschirmt wird.

Der Autor kommt zu dem Schluss:

In der Welt vor dem Internet fand man großartige Beispiele dafür, wie die Qualitätskontrolle von Einzelnen die Intelligenz des Kollektivs verbessern konnte. … es (sollte) möglich sein, einen humanistischen und praktikablen Weg zu finden, um den Wert des Kollektivs im Web zu maximieren, ohne dass wir uns zu Idioten machen. Die beste Richtlinie dafür ist, dem Individuum den Vorrang zu geben.

Der ganze Artikel ist wirklich eine Provokation! Und macht gerade dadurch auf Einiges aufmerksam, was durch die Web 2.0-Euphorie vieler Internetpioniere etwas aus dem Blick geraten ist. Die Verabsolutierung der Gruppe und des “Schwarmgeistes” kann wirklich dazu führen, dass Quantitäten mehr zählen als Qualitäten, vor allem die Quantität an Aufmerksamkeit. Es ist sehr wichtig, dies nie aus den Augen zu verlieren, wenn Rankings von Internetseiten oder Weblogs als oberstes Qualitätskriterium für Inhalte ausgegeben werden.

Und das Internet löst sicher nicht alle Probleme, die es vor diesem neuen Medium auch schon gab, z. B. die Frage, wie eine freie Meinung entsteht und sich Ausdruck verschaffen kann. Dennoch sollten in die Betrachtung die vielfältigen neuen Formen der wechselseitigen, interaktiven Konstruktion von Sinn und das Hochschaukeln von Qualitität einbezogen werden. All dies lässt sich durchaus auch bei vielen Artikeln der Wikipedia nachweisen. Und ob wirklich alles Blogger im zitierten Sinne über einen Kamm zu scheren sind, möchte ich energisch bestreiten. Die kontroverse Diskussion, die sich um den hier zitierten Artikel entsponnen hat, beweist das.

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