Strict Standards: Redefining already defined constructor for class WP_Dependencies in /www/htdocs/w005ce78/blog/wp-content/plugins/wordpress-support/wordpress-support.php(10) : runtime-created function(1) : eval()'d code(1) : eval()'d code on line 1
Strukturnetz Blog » Blog Archive » Kompetenzbilanzierung: Nicht alles, was man zählen kann, zählt

Kompetenzbilanzierung: Nicht alles, was man zählen kann, zählt

Jeder Blogger und jede Bloggerin entwickelt – wie jeder tätige Mensch – individuelle Praxen und Routinen. Ein guter Teil meiner Beiträge in diesem Weblog entstehen direkt nach den Schreib- bzw. Relfexionsanlässen auf der Rückfahrt vom Termin im Zug. Zugfahren scheint überhaupt ein bevorzugter Ort von Reflexivität zu sein: Reisende in Gruppen tauschen ihre Erfahrungen aus und freuen sich gemeinsam auf Bevorstehendes; in ausführlichen Telefonaten schildern Einzelne ihren Liebsten gewöhnliche und außergewöhnliche Alltagserlebnisse und lassen das halbe Großraumabteil daran teilhaben; kaum ein Tisch, an dem nicht mindestens ein Notebook mehr oder weniger geräuschintensiv bedient wird. Wer weiß, wer hier außer mir auf der Fahrt von Frankfurt am Main nach Köln einen Eintrag für den eigenen Blog entwirft?

Hinter mir liegt gerade ein Expertengespräch beim Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, bei dem wichtige Vertreter aus Universität sowie Aus- und Weiterbildung zur „Kompetenzerfassung im Zeichen zukünftiger beruflicher Ausbildung und Weiterbildung“ referiert hatten. Eine sehr anregende Veranstaltung mit kontroversen Diskussionen. Ich gebe hier einige für mich wichtige Themen und Diskussionsstränge wider.

Eingeladen hatte Dr. Stephanie Odenwald vom GEW-Hauptvorstand, die einführend die gewerkschaftliche Perspektive auf das Thema verdeutlichte: Was nutzt Kompetenzerfassung und -dokumentation den Arbeitnehmer/innen? Welche Qualifikation muss das beratende bzw. begleitende Personal haben? Wie kann die Kompetenzperspektive zur Eigenverantwortung und Emanzipation von Arbeitnehmer/innen beitragen? Motto: Menschen sind keine Helden, die ohne jede Unterstützung auf der politischen, betrieblichen und individuellen Ebene die anspruchsvolle Aufgabe der Reflexion ihrer Kompetenzen bewältigen können.

Ansätze der nationalen und internationalen Kompetenzmessung
Dr. Harry Ness vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt/M. eröffnete den Reigen mit einem Überblick über Ansätze der nationalen und internationalen Kompetenzmessung. Er hob vor allem die mitarbeiterorientierten Formen der Erfassung und Dokumentation von Kompetenzen hervor und wies in diesem Zusammenhang auf das von ihm mitbetreute bundesweite ProfilPASS-Projekt hin, in dem ein Instrument zu Erfassung informeller Lernprozesse entwickelt und erprobt wurde. Außerdem hielt er ein Plädoyer für die Erweiterung der Anerkennungsmöglichkeiten von informell erworbenen Kompetenzen. Gerade Bildungsbenachteiligte hätten so neue Chancen, ihren Status im Bildungs- und Beschäftigungssystem zu verbessern. Bildungsbenachteiligungen würden nämlich oft durch unser System zementiert, gerade weil es auf formale Abschlüsse fokussiert sei. Außerdem würde ein wesentlicher Anspruch unseres Systems nicht in jedem Fall erfüllt, dass nämlich für jeden Abschluss mindestens eine Anschlussmöglichkeit zur Verfügung stehe. Zertifikate, die formales Lernen belegen, würden zwar Lernanreize bieten und Lernenden wie Lehrenden Sicherheit vermitteln, sie seien aber auch ein Instrument von Herrschaft und Selektion. Das gegenwärtige System behindere deshalb einen angemessenen Umgang mit den so genannten Problemgruppen. Eine sehr weitgehende Anerkennungspraxis hätten die Norweger entwickelt, die den praktischen (Arbeits-)Erfahrungen einen sehr hohen Stellenwert geben und verhältnismäßig wenig Wert auf schriftliche Zertifizierungen legten (mehr Informationen: www.vox.no). In Deutschland gäbe es aber nach wie vor viele Bedenken: die Eliminierung des dualen Ausbildungssystems, mangelnde Integration Heranwachsender in das Bildungs- und Beschäftigungssystem, Ängste vor unsystematischem, informellem Lernen und der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Ein Blick nach Kanada
Prof. Dr. Bernd Overwien von der Technischen Universität Berlin, Arbeitsschwerpunkte globales Lernen, Internationalisierung und informelles Lernen, berichtete im Anschluss kurz von einem internationalen Forschungszusammenhang zum informellen Lernen, bei dem er mitarbeite und in dessen Kontext gerade eine Resolution mit Forderungen zur Verbesserung von Lernbedingungen verabschiedet wurde. Darin würde u. a. bezahlte Freizeit gefordert, die zum Lernen genutzt werden würde. Im Rahmen des an der Universität von Toronto angesiedelten Projekts ist die Internetseite Skills and Knowledge Profile zur Erfassung der eigenen Kompetenzen und des eigenen Wissens entstanden; ich habe es ausprobiert und dadurch einen guten Einblick in die kanadische Umgehensweise mit informelle und formal erworbenen Kompetenzen bekommen – sehr zu empfehlen!

In der anschließenden Diskussion fragten sich einige der Teilnehmenden, ob denn informell erworbene Kompetenzen als gleichwertig mit formal erworbenen Kompetenzen verstanden werden könnten. Es wurde deutlich, dass formales und informelles Lernen immer zusammengehören und keineswegs gegeneinander ausgespielt werden können und dürfen. Ein nachahmenswertes Beispiel hierfür sei Kanada, wo grundsätzlich gefragt würde: Welche Art des Lernens ist wofür genau geeignet? In Deutschland fehle bislang ein groß angelegtes Forschungsprojekt zum informellen Lernen. Das gerade aufgelegte Programm der Deutschen Forschungsgesellschaft “Kompetenzmodelle zur Erfassung individueller Lernergebnisse und zur Bilanzierung von Bildungsprozessen” (vgl. meinen gestrigen Blogeintrag) biete hierfür den geeigneten Rahmen.

Einige Diskussionsteilnehmer wehrten sich gegen die ausschließliche Zuordnung des Verwertungsgedankens zum Kompetenzbegriff. Selbstverständlich ziele gerade das herkömmliche Qualifizierungssystem auf die „Zurichtung“ des Menschen für Arbeitsprozesse. Beide, Kompetenzaufbau wie Qualifikationserwerb, unterlägen der ökonomischen Verwertbarkeit.

Diagnostische Messverfahren
Einer der renommiertesten Vertreter der deutschsprachigen Diskussion um Kompetenzerfassung und -entwicklung, Prof. Dr. John Erpenbeck (QUEM, CeKom), schloss mit einem Beitrag über diagnostische Messverfahren an. Gleich zum Eingang betonte er den hohen Stellenwert der Aktivierungs- und Umsetzungskompetenz, die in der Regel bei der Differenzierung von Kompetenzen in personale, soziale, methodische und fachliche Kompetenzen vergessen würde. Außerdem wies er auf die Unterscheidung von Fachwissen und fachlichen Kompetenzen hin. Nach seiner Definition sind Kompetenzen Fähigkeiten zur Selbstorganisation von Individuen, oder mit anderen Worten: Selbstorganisationsdispositionen in offenen Problem- und Entscheidungssituationen in der Risikogesellschaft. Qualifikationen seien die Eintrittskarten in die Betriebe, für eine erfolgreiche Tätigkeit entscheidend seien anwendbare Kompetenzen. Jede/r kenne wahrscheinlich hochqualifizierte und gleichzeitig inkompetente Mitarbeiter/innen.

Kompetenzen ließen sich nicht vermitteln, sondern nur durch eigenes Handeln aneignen. Sie gründen auf Regeln, Normen und Werten, die innerhalb des Arbeitsprozesses entstehen und weitergegeben werden und die im konkreten Tun verinnerlicht werden. Die Anwendung von Kompetenzen, die Performanz, setze Aktivierungskompetenz voraus und sei von daher ein komplexer und schwer dokumentierbarer Vorgang. Neben unterschiedlichen Formen der Kompetenzerfassung (quantitativ, qualitativ, vergleichend, simulativ, beobachtend) böten vor allem Verfahren der Kompetenzbilanzierung hierfür einen aussichtsreichen Weg. Sie seien in der Regel leicht zu erlernen, würden die emotionale Ebene mit einbeziehen, berücksichtigten informell erworbene Kompetenzen und würden mit verhältnismäßig wenig Aufwand einen hohen Effekt erzielen. Neben dem schon erwähnten ProfilPASS wies Erpenbeck u. a. auf die Kompetenzbilanz des Deutschen Jugendinstituts und erfreulicherweise den TalentKompass NRW hin.

Interessanterweise betonte Erpenbeck vor allem das Wertelernen, für ihn der zentrale, oft emotional geprägte Aspekt beim Erfahrungslernen, im Erlebnislernen, beim Lernen im subjektivierenden Handeln, beim informellen Lernen, beim situierten Lernen und in der Expertise.

Europäischer Qualifikationsrahmen und Europäisches Leistungspunktsystem
Kerstin Mucke vom Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn erläuterte anschließend den durchaus komplizierten Zusammenhang von Europäischen Qualifikationsrahmen (EQF), Europäischem Leistungspunktesystem (ECVET) und Kompetenzmessung. Wichtigste Erkenntnis für mich: Die europäischen Instrumente wollen keine Kompetenzen messen, sondern die Vergleichbarkeit von Abschlüssen herstellen. In den Mitgliedsstaaten soll so Transparenz über die Gleichwertigkeit von „Kompetenzen“ entstehen, unabhängig davon, wo sie in welcher Art und Weise angeeignet wurden. Die EU verwendet den Kompetenzbegriff in diesem Kontext synonym mit Lernergebnis bzw. Bildungsabschluss, wobei nicht der Abschluss also solcher, sondern die Lernergebnisse bewertet werden. Im EQF sollen alle Lernergebnisse acht Niveaustufen zugeordnet werden. Das Leistungspunktesystem soll dies unterstützen. Deutschland hätte hier noch eine Menge Hausaufgaben zu machen, weil wir bisher so gut wie keine lernergebnisorientierten Ausbildungspläne und Weiterbildungskonzepte hätten. Umso notwendiger sei das Angebot zur kostenlosen Nutzung von Instrumente zur Kompetenzmessung, damit Lerner/innen und Beschäftigte sich über den Stand ihre Kompetenzentwicklung ein Bild verschaffen und dies in entsprechenden Zuordnungsverfahren kommunizieren können.

In der Diskussion wurde vor allem die Formalisierung der von der EU vorgegebenen Verfahren kritisiert, die sicher eine Menge neuer Bürokratie mit sich bringen würden. Außerdem wurde auf die Inkompatibilität des EU-Ansatzes mit dem bisherigen deutschen Bildungssystem hingewiesen. Anderseits wurde darauf hingewiesen, dass wir eine hundertjährige Tradition des Zensurengebens hätten und das die Erfahrungen damit sehr nützlich sein könnten: Je unwichtiger etwas ist, desto besser kann man es messen; je mehr man messen kann, desto mehr Sicherheit gewinnen die Lehrenden. Einsteins Ausspruch gelte nach wie vor: Nicht alles was man zählen kann, zählt. Insgesamt wurde deutlich, dass der Umbau des Hochschulsystems nur der Einstieg in einen radikalen Wandel der gesamten Bildungslandschaft in der Bundesrepublik sein wird.

Praxisbericht aus der IT-Qualifizierung
Dr. Mario Stephan Seger von der Technischen Universität Darmstadt präsentierte im Anschuss ein Projekt, das im Rahmen der BMBF-Inititative Anrechung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge zum Kontext der Entwicklung des Europäischen Qualifikationsrahmens gehört. Entwickelt wird ein standardisiertes Verfahren zur Gegenüberstellung von Kompetenzprofilen, damit Personen aus der Berufspraxis auf diesem Wege zu formalen Anerkennungsverfahren zugelassen werden, wenn sie – ohne Hochschulabschluss – studieren wollen. Außerdem sollen Kompetenzen auf der Basis von Lernergebnissen inhaltlich verglichen werden und die Aspiranten entsprechend eingestuft werden. Dies setze detaillierte Lernergebnisbeschreibungen von Studiengängen, Ausbildungsgängen und Weiterbildungen voraus, wie sie bisher nur in Ausnahmefällen vorlägen (ein Beispiel ist das IT-Weiterbildungssystem).

Auch in diesem Ansatz sehen die Diskussionsteilnehmer/innen Chancen und Gefahren. Einer verbesserten Durchlässigkeit zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem einerseits und andererseits ein komplexes, aufwändiges System, das nur von wenigen Personen in dieser Form genutzt werden könne. Es wird auf den norwegischen Ansatz verwiesen, wo alle Personen, die drei Jahre berufstätig waren, die Berechtigung zum Studieren erhielten.

Zwischen Anforderungs- und Subjektorientierung
Abschießend stellte Prof. Dr. Peter Dehnbostel von der Helmut Schmidt-Universität Hamburg die Positionen des Gewerkschaftsprojektes KomNetz und den neu entwickelten KompetenzReflektor vor. Bisher sei die Verzahnung von Aus- und Weiterbildung gescheitert, durch die erwähnten EU-Beschlüsse, den demographischen Wandel und die Situation auf dem Arbeitsmarkt gäbe es neue Chancen hierzu. Nicht zu unterschätzen sei aber die Gefahr der einseitigen Outputorientierung. Lernergebnisse könnten nicht unabhängig von Lernprozessen und Lerninhalten gesehen werden. Nur systematisch begleitete, kontextualisierte Lernprozesse würden Bildung ermöglichen. Daher seien neben den vielen anforderungsorientierten Verfahren der Kompetenzanalyse eher entwicklungsorientiere Ansätze notwendig. Der KompetenzReflektor würde genau hier ansetzen. Das Instrument unterstützte die Erfassung von informell und formal erworbenen Kompetenzen für die Anrechnung auf berufliche Bildungsgänge.

Resumee
In der Abschlussdiskussion wurden folgende Aspekte noch einmal besonders betont:

  • Ergänzend zum Europäischen Qualifikationsrahmen brauchen wir einen Deutschen Qualifikationsrahmen, in dem die pädagogische Orientierung bestehend aus Inhalt und Prozess nicht zum reinen Anhängsel der Outpuorientierung wird (vgl. hierzu die Position des BIBB).
  • Die Gewerkschaften sollten ein Anbieter von Beratung und Begleitung in den Betrieben sein, die Prozesse der Kompetenzbilanzierung flankieren.
  • Notwendig ist weiterhin ein inhaltlich gefüllter Kompetenzbegriff – Lernen und Bildung lässt sich nicht völlig formalisieren.

Ähnliche Beträge

8 Responses to “Kompetenzbilanzierung: Nicht alles, was man zählen kann, zählt”

  1. Gerhard Endres sagt:

    Ich finde die Zusammenfassung der Tagung sehr gelungen

    Herzliche Grüße

    Gerhard Endres

  2. Joachim Höper sagt:

    Lieber Herr Völzke,

    man kann ja nicht überall dabei sein… Vielen Dank deshalb für den informativen Bericht von der Veranstaltung und ein großes Lob zu Ihrem Blog!

    Joachim Höper

  3. Bernd Overwien sagt:

    Schöne Zusammenfassung der GEW-Tagung, die ich hier gerade entdeckt habe!!

    Bernd Overwien

  4. validblog - Anrechnung von Bildungs- und Lernleistungen in der Schweiz und Europa - Kompetenzenbilanzierung sagt:

    […] EuropaEva Müller-Kälin - Weiterbildung & Coaching - Thalwil - aspects @ hispeed.ch Kompetenzenbilanzierung (Informelles Lernen)Von Eva Müller-Kälin, 10.2.2007 um 19:53″Nicht alles was manzählen kann, zählt.”(Einstein) Ansätze der deutschen und internationalen Kompetenzmessung […]

  5. Renate Uhlending sagt:

    kompetenz

  6. Heilwig Vogt sagt:

    Weblog echt.verbessern? entdeckt zu werden wie der hier

  7. Joshua Srour sagt:

    Die Webseite ist super, leider sind bei mir die Ladezeiten ganz schön lang. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass das an der Leitung liegt, die meisten anderen Websites sind deutlich schneller. Haben andere Leser auch bereits diese Erfahrung gemacht?

  8. Élida sagt:

    keep, up the good work, looking forward to reading your new material.http://www.musicaluansantana.net

Kommentar schreiben