Neue Lebenslaufregimes - Herausforderungen für die Erwachsenenbildung?
Lebenslaufregime? - was ist denn das schon wieder, habe ich mich gefragt, als ich den Titel des fünften Workshop der institutionen- und disziplinübergreifenden Projektgruppe “Diskontinuierliche Erwerbsbiografien” las. Die Einladung zur Veranstaltung spiegelt prägnant Ausgangslage und Fragestellung wider:
Mit dem Begriff ‚Lebenslaufregime’ wird die normierende Wirkung gesellschaftlicher Verhältnisse auf die Lebensgestaltung und Lebensführung von Individuen beschrieben. Den Diskurs um Lebenslaufregimes, der vorrangig in der Disziplin der Soziologen geführt wird, wollen wir mit folgenden Zugängen aufnehmen:
Haben die gesellschaftlichen Veränderungen wie die der zunehmenden Individualisierung, sozialen Ungerechtigkeit, Armutsentwicklung zu neuen Lebenslaufregimes geführt?
Haben die Veränderungen auf dem Arbeits- und Erwerbsmarkt wie die Tendenzen zum Arbeitskraftunternehmer, zu prekären Arbeitsverhältnissen, zur Ich-AG, der Auflösung der Normalerwerbsbiografie normierende Kraft auf die individuelle Lebensgestaltung?
Und wenn wir diese Fragen mit JA beantworten: Wie sehen solche neuen Lebenslaufregimes aus? Für wen?
Wie nimmt die Erwachsenenbildung(spraxis) neue Lebensverläufe wahr? Wie viel nimmt sie wahr? Für wen?
Mit welchen inhaltlichen und lernorganisatorischen Angeboten reagiert die Erwachsenenbildungspraxis auf diese Beobachtungen?
Welche Wirkungen haben neue Lebenslaufregimes in die eigene Institution/Einrichtung der Erwachsenenbildung?
Als Referenten traten Vertreter aus Soziologie und Erwachsenenbildung auf, z. B. Prof. Dr. Martin Diewald von der Universität Bielefeld und Prof. Dr. Schrader von der Universität Tübingen. Die Ausgangslage der Diskussion lässt sich einem Zitat aus einem Zwischenbericht der Projektgruppe entnehmen:
So haben die auf den (bisherigen, R.V.) Workshops vorgestellten Ergebnisse quantitativer und qualitativer Sozialforschung gezeigt, dass die Veränderungen der Erwerbsbiographien in sich nicht einheitlich beschreibbar sind, sondern je nach Lebenslage, Geschlecht, Alter, beruflichem und sozialem Status, regionaler Zugehörigkeit, u. a. differenziert zu betrachten sind. Sozialer Wandel, das Anwachsen der Arbeitslosigkeit auch bei qualifizierten Facharbeitern und Akademikern und der Umbau der Institutionen von Bildung und Arbeit verdeutlichen, dass die Risiken der Erwerbsbiographien immer schwieriger zu prognostizieren sind, das Feld also einer Dauerbeobachtung bedarf.
In der Erwachsenenbildung zeigt sich ein ähnlich uneinheitliches Bild, wenn die Verarbeitungsformen von Diskontinuität in den Blick genommen werden. Es zeigt sich die Notwendigkeit, Bildungskonzeptionen zu entwickeln, in denen individuelle und kollektive Diskontinuitätserfahrungen in professionell beratender Begleitung auf dem Weg von der Ungewissheit zur Selbstgewissheit der Bearbeitung zugänglich werden. Hier liegen zentrale Herausforderungen der Professionen und ihrer Vertreter/innen. Dazu bedarf es einer stärkeren Auseinandersetzung mit Bildungsverständnis und Menschenbild, das Erwachsenenbildung prägt.
Als Merkposten geben ich hier meinen ganz persönlichen Erkenntnisgewinn von dem gut besuchten Workshop im Landesinstitut für Schule in Soest wieder:
Die zu Beginn des Workshops gestellte Frage, ob die Erwachsenenbildung übersensibel auf das Phänomen der Diskontinuität von (Erwerbs)Biographien reagiere, ist auch meine Frage. Ist Diskontinuität nun eine allgemein gültige gesellschaftliche Realität oder ein gesellschaftliches Konstrukt, in dem die Lebenslagen bestimmter Teilgruppen verallgemeinert werden? Klar ist, dass die von Martin Kohli Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts beschriebene These von der Normalbiographie in Reinform höchsten in einer bestimmten Phase der fünfziger und sechziger Jahre gegolten hat. Dennoch enthält die von ihm konstatierte Institutionalisierung des Lebenslauf bis heute ein großes Anregungspotenzial, wenn wir über die Lebenslagen heutiger Gesellschaftsmitglieder nachdenken. Der Begriff des Lebenslaufregimes hebt nun den Aspekt der institutionellen Fremdbestimmung von Lebensläufen besonders hervor. Die Frage ist doch, wie groß der eigene Spielraum bei persönlichen Entscheidungen z. B. bei der Berufswahl oder bei der späteren Veränderung eines einmal eingeschlagenen Weges für den Einzelnen wirklich ist. Unter dem Titel Die Theorie des eigenen Lebens finde ich in diesem Zusammenhang sehr anregend einige Textausschnitte aus Ulrich Becks sehr zu empfehlendem Buch Eigenes Leben.
Was hat es also mit den so genannten Lebenslaufregimes auf sich? Zunehmend, so die These, zeigen sich gegenwärtig institutionalisierte Lebensläufe als Ausprägung eines übergreifenden Regimes, in dem möglicherweise ein einzelnes Teilsystem wie Erwerbsarbeit oder Staat oder die Genderzugehörigkeit dominiert. Lebenslaufregimes ziehen so einerseits eine hohe Erwartungssicherheit in Bezug auf den eigenen Lebenslauf nach sich und rufen und zementieren andererseits soziale Ungleichheit. Am Stellenwert von Bildungszertifikaten kann das gezeigt werden: Einerseits bedingen Bildungszertifikate eine Verstetigung des Lebenslaufs und bedeuten für die Einzelnen eine hohe Erwartungssicherheit. Andererseits determinieren sie den weiteren Lebenslauf in irreversibler Art und Weise. In der gegenwärtigen Situation bewirkt der zunehmende, gesellschaftliche Veränderungsdruck, dass Bildungszertifikate entwertet werden. All das führt zu einer Heterogenisierung und Verunstetigung von Formen des Zusammenlebens, was so etwas wie ein Kontinuitätsmanagement erforderlich macht. Besonders deutlich tritt das in Paarbeziehungen zutage, wo konkurrierende Lebensziele aufeinander treffen und die Heterogenität und Instabilität von biographischen Planung immer öfter ganz offensichtlich werden.
Genau hier kommt dann Erwachsenenbildung ins Spiel. In welcher Art und Weise genau? Beispielsweise dadurch, dass sie die subjektive Seite des gerade beschriebenen Zusammenhangs in den Mittelpunkt rückt, und zwar kontextspezifisch, also im Bewusstsein der institutionellen Zwänge und „Regimes“. Das bedeutet dann vor allem, dass Angebote der Erwachsenenbildung die subjektive Konstruktionsleistung von Gesellschaftsmitgliedern stützen, „eine individuelle Biographie zu haben“. Die Kernleistung einer zeitgemäßen Erwachsenenbildung wird die Begleitung und Beratung von Personen bei der individuellen Konstruktion einer kompetenzbasierten (Erwerbs)Biographie. Vor allem Verfahren der Kompetenzdiagnostik und Kompetenzentwicklung sind aufzugreifen und als Chance für begleitende Angebote der Erwachsenen- und Weiterbildung zu werten. Das besondere dieser eminent pädagogischen Aufgabe besteht darin, durch eine professionell begleitete, biographieorientierte Portfolioarbeit bisherige Segmentierungen zu überwinden und im Sinne des lebensbegleitenden Lernens in verschiedenen Segmenten des Bildungssystems – und des eigenen Lebens – Gelernetes aufeinander zu beziehen.
So bestätigt der Workshop für mich den Stellenwert der Ansätze zur pädagogischen Biographiearbeit. Relevant werden sie in diesem Kontext aber nur, wenn sie sich auf die berufsbiographisch wirksamen „Institutionen“ des Lebenslaufs beziehen und nicht einäugig nur die oder den Einzelnen im Blick haben. In dem am Schluss dieses Beitrags erwähnten Buch findet sich der passende Artikel hierzu, der als Ziel pädagogischen Handelns die Unterstützung berufsbiographischer Gestaltungskompetenz bestimmt. Dem kann ich mir nur anschließen.
Zum Schluss noch zwei Fundstücke: Einmal ein Text, der in komprimierter Form Veränderte Erwerbsbiographien in den Blick nimmt und auf die verlängerten Bildungsphasen, einige Genderaspekte und die zunehmende Spannung zwischen Statusunsicherheit und Erfahrungsvielfalt hinweist. Und dann ein Aufsatz von Rüdiger Preißer, der nach den Möglichkeiten zur beruflichen Neuorientierung angesichts diskontinuierlicher Erwerbsbiographien fragt.
Die als Veranstalterin des Workshops fungierende und schon seit mehreren Jahren arbeitende Projektgruppe setzt sich zusammen aus Mitgliedern des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (Bonn), des Bundesinstituts für Berufsbildung (Bonn), des Büros für berufliche Bildungsplanung (Dortmund), des Instituts zur Erforschung sozialer Chancen (Köln), der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (Frankfurt/M.), der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik und des ehemaligen Landesinstituts für Qualifizierung (Hagen). Auf weitere Aktivitäten kann man gespannt sein. Der in einigen Facetten beschriebene Workshop jedenfalls enthielt für mich so viel Anregungscharakter, dass einzelne Ausschnitte davon hier im Weblog landen können.
Die Abbildung oben zeigt übrigens ein Buch, das aus der Arbeit der Projektgruppe hervorgegangen ist: Friederike Behringer, Axel Bolder, Rosemarie Klein, Gerhard Reutter, Andreas Seiverth (Hrsg.): Diskontinuierliche Erwerbsbiographien. Zur gesellschaftlichen Konstruktion und Bearbeitung eines normalen Phänomens. Schneider Verlag Hohengehren GmbH, 2004.
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