Mehr Biographieorientierung in Schule, Ausbildung und Weiterbildung?


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schiffsruderHier – wie angekündigt – noch ein paar Gedanken zur gerade hinter mir liegenden Fachtagung zur Biographieorientierung in pädagogischen Handlungsfeldern. Ein wesentliches Ziel der Tagung war, die in Erwachsenen- und Weiterbildung bereits recht verbreiteten Ansätze und Methoden der praktischen Biographiearbeit einigen Vertreter/innen aus Schule und Berufsbildung vorzustellen. Das ist sicher ansatzweise gelungen, wenn ich mir auch mehr Teilnehmende vor allem aus der Berufsbildung gewünscht hätte.

Die Tagung machte für mich erneut deutlich, wie unterschiedlich die Zugänge zum Thema sind und wie voraussetzungsreich die Rede von Biographie und biographischer Arbeit. Mancher Teilnehmerin, manchem Teilnehmer fällt es sicher auch nach den Tagen in Flensburg schwer, für sich einen roten Faden durch das Thema zu entdecken. Hier also – wenn auch nur andeutungsweise – mein Versuch, einen inneren Zusammenhang herauszuarbeiten.

Zur Notwendigkeit biographieorientierter Arbeit
Unser aller Alltag stellt uns permanent vor die Aufgabe, bislang Erlebtes mit dem sich aktuell Vollziehenden in Beziehung zu setzen, uns – wie situativ und fragmentarisch auch immer –bei allem Wandel als Kontinuum, bei aller Gegenwartsbezogenheit als mit historischen Wurzeln ausgestattetes Individuum zu erleben; als Individuum, das wiedererkennbar bleibt und sich gleichzeitig von anderen unterscheidet. Diese ständig mitlaufende, nur in seltenen Fällen bewusst-intentional vollzogene biographische Alltags- oder besser Identitätsarbeit macht uns erst handlungsfähig in den gegenwärtigen Herausforderungen und vollzieht sich – das ist jetzt entscheidend – in einem permanenten, temporär in alle Richtungen offenen und unabgeschlossenen, rekonstruktivem Prozess. Was ist damit gemeint?

Rückblickend auf mein Leben

  • re-konstruiere ich ordnend meine bisherigen Erlebnisse und Erfahrungen immer wieder neu,
  • re-konstruiere ich meine persönliche Geschichte angesichts aktueller Dispositionen in einem ständigen Prozess – vgl. die Erkenntnisse zum autobiographischen Gedächtnis und neuerdings der Neurowissenschaften
  • re-konstruiere ich kürzer und länger zurückliegende Erlebnisse angesichts der aktuellen Situation im Hier und Jetzt – vgl. die Überlegungen der Wissenssoziologie zur Situationsdefinition
  • re-konstruiere ich im Rückblick auf die Vielzahl von Erlebnissen, die ich naturgemäß nach einem vergangenen Erlebnis gehabt habe, dieses Erlebnis in immer neuen, möglicherweise minimalen Varianten und Versionen.

Dies alles vollzieht sich in mir wie “automatisch” auf Basis der mir eigenen, ganz persönlichen Aufschichtung, Verwobenheit, Strukturiertheit, “Verknautschheit” meiner individuellen Erfahrungen. Entsprechend denke ich, so spreche ich, so handle und lerne ich. Der Sozialisationsbegriff greift hier zu kurz. Meine Sozialisation spielt selbstverständlich mit herein, trifft aber nicht den Kern der biographischen Perspektive. Die biographische Sichtweise zeigt gerade die unhintergehbare Verschränkung gesellschaftlich-sozialer Rahmenbedingungen und der ganz und gar individuellen Aneignung, Modifikation, Mitgestaltung dieser sozialen Eindrücke hin zu meiner persönlichen, unverwechselbaren Lebensgeschichte. Sozialisation schaut tendenziell mehr vom immer schon Vorgefundenen, von der Gesellschaft her, in die ich hineingeboren werde. Biographie stellt das Subjekt in den Mittelpunkt, versteht es sozialkonstruktivistisch, betont also die Eigenleistung und den Eigensinn jeder und jedes Einzelnen. Eigensinn ist in diesem Sinne konstitutiv für jede individuelle, unverwechselbare Lebensgeschichte. Sozialisation ein wichtiger Kontext.

Das Wort Geschichte deutet einen weiteren, entscheidenden Aspekt an: den wesentlichen Unterschied zwischen Lebenslauf und Lebensgeschichte. Ein Lebenslauf enthält die äußeren Daten eines Lebens, die sich in einem tabellarischen Lebenslauf mit Passfoto, auf einem Formular oder einer Internetseite festhalten und – bei gegebenem Anlass – fortschreiben lassen. Wo man geboren und zur Schule gegangen ist, ob und mit wem man verheiratet ist usw. usw., sind feststehende Daten des Lebenslaufs, höchstens aber Orientierungspunkte der eigenen Lebensgeschichte. Eine Lebensgeschichte stellt man her, wie der Name schon sagt: Biographie, das Leben schreiben. Schon von frühester Kindheit an lernen wir, wie solch ein Herstellungsprozess gestaltet werden kann, als biographische Alltagsarbeit nämlich – bevorzugt im Medium des Erzählens von in der näheren oder ferneren Vergangenheit erlebten Erlebnissen, oder, wie wir zu sagen pflegen, von erlebten Geschichten. Oder genauer: Erst im Medium des Erzählens – in einem weiten Verständnis als verbale, zeichnende oder auch photographierende Kommunikation – re-konstruieren wir in jeder Erzählsituation aus jeweils gegebenem Erzählanlass unser bisheriges Gewordensein als mehr oder weniger zusammenhängende Geschichte neu. Eine Lebensgeschichte hat man nicht, man erzählt sie; und dies nur in seltenen Fällen als ganze, einigermaßen vollständige Geschichte des ganzen bisherigen Lebens, sondern in Etappen, Fragmenten, Versatzstücken. Als Alltagsarbeit. Und: Erzählen ist immer auf ein Gegenüber angewiesen. Entweder ein fiktives, gedachtes, gefühltes Gegenüber, wie wir das von Schriftstellern kennen. In aller Regel aber ein reales, zuhörendes, aufnehmendes, reagierendes Gegenüber, einen oder mehrere Gesprächspartner, Zuhörerinnen und Zuhörer. Biographische Alltagsarbeit vollzieht sich daher als kommunikativer Prozess.

Mein Vortrag auf der Fachtagung schloss nun an diese Grunderkenntnis an und entfaltete in Ansätzen eine professionell angeleitete Form biographisch-narrativer Kommunikation, die die biographische Alltagsarbeit ergänzen und – wo immer möglich – intensivieren soll. Denn angesichts des vielbeschworenen Wandels unserer Alltagwelt ist biographische Arbeit immer prekäreren Rahmenbedingungen ausgesetzt – und tut umso mehr Not. In meinem letzten Beitrag hier im Blog habe ich bereits darüber geschrieben:

  • Wie können Situationen, in denen durch die Adressat/inn/en pädagogischen Arbeitens sowieso – wenn auch oft nur sehr ansatzweise – biographisch kommuniziert wird, wie können solche Situationen professionell so modelliert werden, dass beispielsweise eine bessere Anschlussmöglichkeit von aktuell Gelerntem mit bisher Erfahrenem gefördert wird?
  • Wie kann, verkürzt gesagt, biographisches Lernen unterstützt und gestaltet werden?
  • Welche Aufgabe kommt pädagogischem Handeln hier zu, vor allem auch in der Berufs- und Weiterbildung?
  • Und nicht zuletzt: Was kann erziehungswissenschaftliche Forschungs- und Theoriearbeit dazu beitragen, dass die Bedingungen und Ausdrucksformen des Lernens mehr und mehr an der hier nur angedeuteten, im Alltag eingelassenen Identitäts- und Biographiearbeit orientiert wird?

Zu den anderen Beiträgen der Fachtagung
Eine sehr gute Basis für solche Überlegungen bildet meiner Meinung nach der von Prof. Dr. Dr. Peter Alheit (Georg-August-Universität Göttingen) auf der Tagung erläuterte Begriff der Biographizität, der die Aufschichtung aller bisherigen Erfahrungen eines Lebens als kreatives, durchaus eigensinniges Potenzial fasst; als Potenzial, das uns ermöglicht, immer wieder neu und anders mit uns selbst und unserer Welt umzugehen. Angesichts dieser Sensibilität für die individuellen Bewältigungs- und Gestaltungsformen des eigenen Lebens muss die Haltung gegenüber den Adressat/inn/en, die Zielsetzungen, die Methodenwahl, unser Lernverständnis überhaupt überdacht werden. In diesem Artikel von Peter Alheit und Bettina Dausien zu Bildungsprozessen über die Lebensspanne und lebenslanges Lernen lässt sich gut nachvollziehen, wie Biographizität hier gedacht wird. Wie im Anschluss daran konkretes, pädagogisches Alltagshandeln aussehen kann, stellt noch eine große Entwicklungsaufgabe für Reflexion und Praxis dar – und nicht zu letzt für das professionelle Selbstverständnis.

Dr. Fritz Seydel, beschäftigt bei den Friedrich Verlagen und an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig führte auf anschauliche Weise einige Methoden der ästhetischen Bildung vor, die Lehramtsanwärter/innen eine Auseinandersetzung mit ihrem Lehrerbild ermöglichen sollen. Unklar blieb die Einordnung des eher methodenorientierten Vorgehens in ein umfassenderes Ausbildungskonzept für pädagogische Berufe. Einen Einblick in seinen Zugang eröffnet die Zusammenfassung seiner Dissertation: Biografische Arbeit als ästhetischer Erfahrungsprozess in der Lehrer/innen(aus)bildung.

Das Wissenschafts-Praxis-Projekt in Form einer Fortbildungsreihe zur “Pädagogischen Biographiearbeit” nahm eine Mitarbeiterin dieses Projektes, Daniele Rothe von der Georg-August-Universität Göttingen, zum Anlass für einige – aus meiner Sicht – wirklich weiterführende Reflexionen. Hier kooperieren (unter Leitung von Prof. Dr. Bettina Dausien, z. Zt. Universität der Bundeswehr, München) auf vorbildliche Weise Erziehungswissenschaft und pädagogische Praxis miteinander, machen Erkenntnisse und Methoden der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung für die Praxis fruchtbar und eröffnen den beteiligten Wissenschaftlern andererseits einen ach so notwendigen, viel zu wenig beschrittenen Zugang zu dem, was “dran ist”, was pädagogisch Verantwortliche in ihrer alltäglichen “Biographiearbeit” zu leisten haben. Wissenschaftler/innen haben so umgekehrt die Chance, vorhandene wissenschaftliche Ansätze zu überprüfen und zu verbessern. Wie sich das Projekt um die Integration einer biographieorientierten Perspektive in institutionelle Lehr-/Lernarrangements bemüht und was dies zur Professionalisierung pädagogischen Handelns überhaupt beitragen kann, führte Rothe gut nachvollziehbar aus. Schade nur, dass keine Zeit blieb, die Fortbildungskonzeption im Einzelnen vorzustellen und zu diskutieren. Auf der Internetseite Rekonstruktive Praxisforschung stellt das Projektteam ihre Konzeption vor.

Prof. Dr. Wolfgang Wittwer von der Universität Bielefeld setzte sich in seinen Ausführungen mit den Begriffen Kontinuität und Diskontinuität als Leitprinzipien beruflicher Bildung auseinander. Er plädiert für die Subjektperspektive in der beruflichen Bildung, wenn auch leider nur in Umrissen zu erkennen ist, was denn die vermehrte Betonung der Stärken junger Menschen und der Ausbau ihrer “inneren Stärke” ganz praktisch bedeuten kann. In diesem Artikel “Stärken stärken” – Individuelle Kompetenzentwicklung als Führungsaufgabe finden sich die Kernaussagen seines Vortrags.

Also insgesamt eine wichtige Tagung für meiner Berufsbiographie, weil hier eines meiner Lebensthemen “ganz nach oben kommt”: das Überdenken des professionellen pädagogischen Rollenverständnisses durch die Entwicklung eines verstehenden, “ethnographischen” Zugangs zu den Adressat/inn/en pädagogischen Handelns. Für die pädagogische Praxis und ebenso für die erziehungswissenschaftliche Praxis ein gleichermaßen notwendiges und herausforderndes Feld.

Geschrieben im Zug zwischen Flensburg über Hamburg nach Dortmund.

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