Umgang mit implizitem Wissen im Unternehmen: Narratives Wissensmanagement als Lösung?

titel_personalfuehrung_4_2007 Wege und Irrwege im Wissensmanagement, Zum Verständnis von implizitem Wissen - dies ist der Titel eines neuen Artikels von Georg Schreyögg (Professor an der Freien Universität Berlin) und Daniel Geiger (Research Fellow am Advanced Institute of Mangagement Research der Univerity of Liverpool Management School), den ich wärmstens zur Lektüre empfehle (leider nicht online, der Kauf der neuen Ausgabe der Zeitschrift Personalführung 4/2007 lohnt sich nicht nur wegen dieses Textes, sondern auch wegen der weiteren Artikel im Special zu Intuition und implizitem Wissen).

Herkömmliche Ansätze des Wissensmanagement gehen davon aus, dass mittels des so genannten Konversionsprinzips implizites Unternehmenswissen in explizites, erfolgsrelevantes Wissen umgewandelt werden kann. Die Autoren zeigen - aus meiner Sicht überzeugend -, dass diese Konversion strukturell unmöglich ist. Ein zentrales Argument ist, dass es sich bei implizitem Wissen gerade um nicht-sprachliches Wissen handelt. Damit ist eine einfache Übersetzung mit sprachlichen Mitteln von vorneherein ausgeschlossen.

Mich erinnert diese Diskussion an die Fachdiskussion um die informell angeeigneten Kompetenzen. Wenn Informelles durch Prozesse der Reflexion ins Bewusstsein gehoben wird, verliert es eben gleichzeitig den informellen bzw. impliziten Charakter. Informell erworbenes Wissen wird so in gewisser Weise formalisiert, oder schärfer ausgedrückt: informell erworbene Wissensbestände werden instrumentalisiert für die Anreicherung des ökonomisch verwertbaren Humankapitals. Das ist - wenn auch vielleicht nicht gerade in dieser sprachlichen Ausdrucksform - an sich kein Problem, meine ich. Es geschieht ja sowieso beständig, dass ich in nicht-formalen Kontexten Gelerntes beruflich einsetze. Sonst könnte ich meine Arbeit überhaupt nicht mehr bewältigen. Widerstand regt sich aber genau dort, wo diese Art der Wissensverwertung wiederum in allzu formalisierte Prozesse der möglichst umfassenden Erfassung und Entwicklung von Kompetenzen überführt wird. Genau hier ist meiner Meinung nach die persönliche Freiheit des Individuums zu wahren und die Entscheidung über die Ökonomisierung des persönlichen Könnens und Wissens dem Einzelnen selbst zu überlassen.

Ich finde es nun geradezu beglückend, in welcher Art die Autoren des erwähnten Artikels abschließend die aktuellen, narrativen Ansätze des Wissensmanagements kritisch beleuchten. Sie zeigen überzeugend, dass auch narrativ mitgeteiltes Wissen von vorneherein als verbales Wissen vorliegt:

Aus Erfahrungen und Vorstellungen heraus werden Geschichten konstruiert, und es bedarf nur einer Gelegenheit, sie zu erzählen … Narrationen fehlt es ebenso wie implizitem Wissen an klarer Kausalität; Erzählungen sind komplex, es handelt sich um sehr reichhaltige Beschreibungen, die einer Erzählstruktur folgen …

Narrationen entstehen, um erzählt zu werden, das heißt, sie zielen von vorneherein auf eine Loslösung von ihrem spezifischen Handlungskontext ab; narratives Wissen ist verflüssigt und gerade nicht verkörperlicht wie das implizite Wissen. Diese Feststellung hilft zugleich zu verstehen, weshalb implizites Wissen seinem Charakter nach nicht in Form von Geschichten repräsentiert und transferiert werden kann …

Grundsätzlich ermöglichen der verbale und verflüssigte Charakter von Narrationen einen sehr viel besseren Zugriff für Konversionsbemühungen, als dies beim impliziten Wissen der Fall ist. Es ist allerdings wichtig zu betonen, dass eine solche Konversion niemals alle Elemente und Facetten einer Geschichte transferieren kann. Narrationen sind ihrer Natur nach komplex, und daher bleibt jede Konversion notwendigerweise selektiv.

Den narrativen Zugang mit seinen spezifischen Möglichkeiten und Grenzen weiter zu entwickeln und bekannter zu machen, ist ja eines meiner Kernanliegen - auch mit diesem Blog. Wer erzählt, teilt sich auf sehr persönliche Art und Weise mit und bewahrt gleichzeitig in dieser Art der Mitteilung seine persönliche Freiheit und Individualität. Wie Schreyögg/Geiger narratives Wissen hier charakterisieren und den Stellenwert des “Managements des narrativen Wissens in Unternehmen” herausarbeiten, das hat Vorbildcharakter. Unbedingt lesen!

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